Im Jahr 1985 sucht der Musiker Limo eine Liveband. Limo hatte sich durch verschiedene Kassettenproduktionen in der internationalen Post-Punk-Neo-Psychedelia-Folk-Szene der frühen 1980er-Jahre einen Namen gemacht und nun die Gelegenheit, mit seinen Songs eine Tour durch die Schweiz zu machen. Allein - ihm fehlt die Liveband, denn er hat die meisten Songs bisher in der heimischen Garage alleine oder durch Unterstützung einiger Freunde aufgenommen. Der Zufall will es, dass der Drummer Mikk, der Limo bei dem Tape-Projekt „Put it on the Flipside“ unterstützte, in einer Band spielt, die kurz zuvor auseinandergebrochen war. Mikk brachte kurzerhand seine Mitstreiter Gazi und Hanz zu einer Probe mit - das war die Geburtsstunde der Shiny Gnomes im Oktober 1985 in einem Übungsraum in Nürnberg-Gostenhof.

 

Im Übungsraum in Nürnberg-Gostenhof, November 1985

Limos Stil - Sixties-Garage-Punk/Pop/Psych bildet nun den  Ausgangspunkt für eine rasante Bandentwicklung: Nach den ersten Gigs in Kulmbach (November 1985 in der abrissreifen Sauermannfabrik) und Nürnberg (Dezember 1985 in der Zabo Linde) folgen im Februar 1986 Aufnahmen für die erste Single „Sexmaniac“, im April die Schweiz-Tour und unmittelbar anschließend das Debutalbum Wild Spells (Pastell, 1986). Wenn das zehnte Album 30 Jahre später wieder die „Garage“ im Titel führen wird, dann ist das natürlich auch Programmatik und es schließt sich ein Kreis. 

 Live in Lenzburg (Schweiz), März 1986

Psycho-Gazi

Die Deput-LP findet große Beachtung in der deutschen Independent-Szene und wird in den Medien positiv gewürdigt. Die Band um Limo (voc/git), Hanz (bass/voc), Gazi (keyboards) und Mikk (dr) erweiterte den Stil um Country- und Pop-Zutaten auf ihrer zweiten Veröffentlichung Some Funny Nightmares (Pastell, 1987). Es folgen überregionale Auftritte, vor allem in Nordrhein-Westfalen, wo die ersten beiden Alben aufgenommen werden (DB-Studios/Haltern am See) und auch Label und Verlag der Band (Pastell/Hagen und Roof/Bochum) beheimatet sind. Radiosender spielen immer häufiger Gnomes-Songs, vor allem die beiden "Smash-Hits"Lazing at the Desert Inn und Cowboys of Peace. Im November 1987 erhalten die Gnomes als erste Rockband den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg. 

Fotoshooting beim Nürnberger Stadtmagazin "Plärre", Sommer 1986

Pause bei der Bandprobe, Nürnberg 1987

Im Frühjahr 1988 erscheint in der Kult-Zeitschrift "Spex" ein Artikel über die Shiny Gnomes, der, in Analogie zu US-Musik-Hotspots titelt: Nürnberg ist Minneapolis. Die Band wird zunehmend als Kadidat für die Top 100 oder mehr gehandelt. Im März 1988 tritt ein, wovon viele Bands träumen: Der Musikgigant Polydor nimmt die Gnomes unter Vertrag. Der Wechsel zum Major-Label führt die Band in das Justice Room-Studio nach England. Dort entsteht Fivehead (1989), das dritte Album, mit dem neuen Schlagzeuger Ufo, produziert von Dave Young. Label, Fans und Presse sind voll des Lobes, nur die Band ist unzufrieden. „Fivehead“ erscheint ihnen zu straight und nicht so energiegeladen wie die Vorgänger.

 

Fotoshooting für Fivehead, Winter 1988, Iserlohn

Dreharbeiten zum Video für Hello Darkness, Winter 1989

Vor dem Konzert im Chessu, dem Autonomen Jugendzentrum in Biel/Schweiz in einem alten Gaskessel. Im Bild der legendäre Rudi "Hodscha" Fischer (r.), Impresario der Indie-Szene der Westschweiz (1989).

Landpartie in der Fränkischen Schweiz, Frühjahr 1990 kurz vor der Colliding-Tour. Mit Tourmanager Rainer Brünjes (ganz rechts) und Bandtechniker Harald Strecker (2.v.l.).

Eine Rückkehr zu Breitwand-Psychedelik gelingt dann mit Colliding (1990). Das Album entsteht zwischen August 1989 und Januar 1990 im Mega Sound Studio Eckental bei Nürnberg, Green House Studio London und The Woolhall, dem Studio der Band Tears For Fears, in Devon.  Produzent Chris Allison und Co-Produzent John Leckie animieren die vier Gnome, aus dem vollen Psych-Wunderhorn zu schöpfen. Für die Band ist das Album ein künstlerischer Triumph, aber die Verkaufszahlen bleiben hinter den Erwartungen zurück. Auch der Versuch, sich mit der Auskoppelung des Sieben-Minuten-Stücks Science Fiction auf der Rave-Welle mitzudürfen, scheitert.  Schließlich verlängert Polydor den Vertrag nicht. 

 Motiv für das Album Colliding

Einziger Auftritt des Gnomes in UK: "The Cellar Bar" in Frome, Devon, während der Aufnahmen zu "Colliding".

1991 erfolgt der Wechsel zum Independent-Label Our Choice/Rough Trade. Er bringt der inzwischen zum Trio geschrumpften Band mit Limo, Hanz und Ufo wieder Selbstbestimmung und neue Ideen. In Eigenproduktion und ohne Gazi, der vor die Wahl zwischen Rock'n Roll und History gestellt ist und sich dann schweren Herzens für Letzteres entscheidet, entstehen die vielbeachteten Alben Innocent Aval (1992), Orange (1993), MC Creatrix (1994) und Weltraumservice (1996). Fantasievolle Klangexperimente, hitverdächtige Songs wie We grow, Resurgent Mind und Heart Moon, schließlich das Wagnis, mit Weltraumservice ein Album mit deutschen Texten zu veröffentlichen, zeigen noch einmal die Kreativität und Vielfalt der Band und ihres "Master Mind" Limo.

Ufo, Limo und Hanz im Jahr 1992

Die Shiny Gnomes um 1996. Mit von der Partie: Lotsi Lapislazuli (3.v.l.), die bis 1993 bei Throw That Beat in the Garbage Can spielt und ihren Gesang auf Weltraumservice beisteuert.

 

 Limo und Hanz in Action, um 1992

Der Einsatz elektronischer Elemente ab MC Creatrix und zusätzlich deutscher Texte auf dem Weltraumservice bedeutet dann den Höhepunkt und gleichzeitig vorläufigen Schlusspunkt ihrer musikalischen Reise: Am 27. Juli 1997 spielt die Band, nachdem Hanz die Band verlassen hat, in der Besetzung Ufo (Elektronik), Limo (voc, git), Lotsi Lapislazuli (keyb, von), Mao (ex-The B-Shops) und Alex Sticht (dr, ex-Throw That Beat...) das letzte Konzert im Nürnberger Lederer-Biergarten. Ohne sich offiziell aufzulösen ist dies das vorläufige Ende der Gnomes. 

Im Jahr 2001 bringt das Indie-Label Sireena das erste Album der Shiny Gnomes von 1986 erstmals auf CD heraus. Zu völligen Überraschung aller Beteiligten wird Wild Spells and how it all began in allen großen Musikzeitschriften als Meilenstein der deutschen Indie-Musik abgefeiert: „bahnbrechendstes Garagen-Punk-Psychedelia Album made in Germany“ („Rolling Stone“), „glanzvolles Debüt...ihr bestes Werk“ („ME/Sounds“), „absolutes Muss, heute wertvoller denn je“ („Frankfurter Neue Presse“), „diese Band war ihrer Zeit weit voraus“ („German Rock News“), „gehört zum Besten, was je von deutschen Musikern eingespielt wurde“ („Guitars Galore“). Im Mai dieses Jahres haben sich die vier Gnome Limo, Hanz, Ufo und Gazi für die 40. Geburtstagsfeier von Gazi reformiert und spielen einen Unplugged-Gig vor begeisterten Geburtstagsgästen. Beides zusammen bewirkt wohl, dass sich die Vier entschließen, im folgenden Jahr einige Konzerte "Just for fun" zu spielen. Die zunächst nur im regionalen Nürnberger Raum angesetzten Konzerte werden ein voller Erfolg: „fulminantes Comeback“ („Plärrer“), „Songs aus der Frischhaltebox mit Punk-Biss und Brit-Pop-Geist. Diese Zwerge werfen immer noch lange Schatten“ („Abendzeitung“) Beim Hauptkonzert in der Großen Halle des „Z-Bau“ hat die Band die superpsychedelische Lightshow der FRESHLIGHT FAMILY dabei und zeichnet das Ganze in Ton und Film auf. Als Vorband spielen COSMO KIOSK und es wird ein vollendeter Abend.

Gig im Z-Bau, Juli 2002

Aus dem Konzert entsteht das Live-Album Cowboys of Peace/Live 2002 (Sireena, 2003), das noch keine neuen Songs enthält. Bei einem Gig in der Nürnberger Rakete im Dezember 2004 spielen die Gnomes erstmals seit 1997 wieder zwei neue Kompositionen, darunter Flo, Dino and I.

Vor dem Gig in der Rakete, Dezember 2004. 

Gig in der Rakete, Dezember 2004

Alles deutet darauf hin, dass die Shiny Gnomes die 1997 unterbrochene Reise nach sieben Jahren wiederaufnehmen würden, doch nach einigen Gigs im darauffolgenden Jahr verlassen Hanz und Ufo Nürnberg. Limo und Gazi geben jedoch nicht auf, und im darauffolgenden Jahr 2006 ergibt sich die Möglichkeit der Fusion mit einer anderen mittelfränkischen Rock-Legende: Mit Bassistin Silvia Cuesta und Drummerin Dorit Lacusteanu von den gerade pausierenden Shivas findet sich auf wundersame Weise die Lösung des Problems. Jetzt kann es mit den Shiny Gnomes weitergehen! Zwar verlässt Silvia nach einigen Monaten die Band wieder und wird durch den durch den Band-Techniker  Manfred "Manna" Knauthe ersetzt, doch mit neuen Songs und erneuerter Besetzung brechen die Gnomes zu neuen Ufern auf.

Limo, Silvia Cuesta, Miss Doright, Gazi (v.l.n.r.): In dieser Besetzung spielten die Shiny Gnomes von Juli 2016 bis April 2017

Ab Mai 2007 bis Dezember 2014 zupft Manna Knauthe den Bass.

Im Neuen Museum Nürnberg während der Blauen Nacht, Mai 2008

Im August 2008 erscheint mit Spirit of the Band (Musical Tragedies) das neunte Studioalbum der Band und das erste Album mit neuen Songs seit zwölf Jahren. Die Band präsentiert die neuen Songs vor vollem Haus im Nürnberger Hirsch. Die Resonanz auf das Album ist durchaus positiv; stilistisch knüpfen die Songswieder an die Power-Pop-Stücke der Anfangszeit der Gnomes an. Auch Pychedelia ist vertreten in Songs wie Anarchy of Heart oder Dear Mühsam, einer funkelnden Hommage an den Freigeist Erich Mühsam, oder in der melancholischen Ballade It's real mit Tom Liwa als special guest

In den folgenden Jahren spielen die Gnomes meist in der Region Nürnberg, doch es gibt auch einige Ausflüge nach NRW oder Ba-Wü. 2012 erleidet Limo einen schweren Sportunfall und kann das ganze Jahr nicht Gitarre spielen. Im Jahr darauf fällt Gazi monatelang wegen einer Erkrankung aus. Dadurch verzögert sich die geplante Produktion des zehnten Albums um lange Zeit. 

Zu allem Überfluss steigt Ende 2014 auch noch Bassist Manna Knauthe aus - doch mit Andreas Rösel, bis dahin (und weiterhin) Bassist bei der Band Blue Notes, ist schnell ein Nachfolger gefunden.  Das fast fertiggestellte Album Garage X (Fuego) wird gemastert und mit Andreas im Juli 2015 in der restlos ausverkauften Nürnberger Desi vorgestellt. In neun neuen Songs von Limo öffnen die Shiny Gnomes nun ihre Rock‘n Roll-Garage - und schillernde Tracks wie das epische „Fontana Sun“, die Swamp-Feedback-Orgie „Don‘t Stop“ oder der Phasing-Pop sprühender Synthies von „This Cruel World“ kommen zum Vorschein.

Fotoshooting mit denm Fotografen Christian Höhn und Andreas Rösel, dem neuen Mann am Bass

Garage X Release Concert, Desi, 10. Juli 2015

Der Erfolg des Konzerts, die guten Kritiken des zehnten Studioalbums und der neue Mann am Bass geben der Band einen gewaltigen Push; die Konzerte in den folgenden Monaten sind stets gut besucht oder ausverkauft, Limo produziert einen neuen Song nach dem anderen und schon bald steht das Gerüst für das neueste Album, das im November 2017 erscheint. Die Shiny Gnomes liefern hiermit nach eigener Einschätzung ihr bestes Album seit mindestens 20 Jahren ab. Die Band fühlt sich auf einem Höhenflug und brennt auf neue Erlebnisse in ihrem psychedelischen Universum. Der erste Song des neuen Albums beschreibt es: Feel like starting again! (to be continued)

Hirsch, Dezember 2017 (Foto: Uwe Niklas)